Positionspapier – Ferdinandplatz

Ferdinandplatz und Neues Technisches Rathaus – da muss noch etwas geschehen!
Auf Basis des Gewinnerentwurfes von Barcode Architects haben wir einige Zielvorstellungen formuliert, welche die Gebäude selbst, als auch die Freiraumplanung betrifft.

städtebaulicher Gewinnerentwurf Ferdinandplatz und Neues Technisches Rathaus –  von Barcode Architects -> mit unseren Verbesserungsvorschlägen

städtebaulicher Gewinnerentwurf Ferdinandplatz und Neues Technisches Rathaus – Quelle: Barcode Architects

aktuelle Situation. Foto: Benjamin Bartho

Bezugnehmend auf die bereits beim Bürgerdialog zum städtebaulichen Konzept des Ferdinand- und Georgplatzes am 09.10.2017 im Saal des Stadtmuseums geäußerten Ideen, möchten wir von Stadtbild Dresden diese nochmals ausformulieren und zur Einarbeitung in das Gesamtkonzept vorstellen.

Die Zielstellung für allen Beteiligten sollte die Beantwortung auf die mehrfach gestellte Frage sein, wie der zukünftige Stadtraum von den Bürgern und Gästen dieser Stadt angenommen und als gelungen empfunden werden wird und wie dieses „Gelingen“ erreicht werden kann.

Städtebauliche Anordnung und Dimension

An der groben städtebaulichen Ausformung der Gebäudemassen im Siegerentwurf von `Barcode Architects` nehmen wir wenig Anstoß – im Gegenteil: der Entwurf ist löblich und gewann im Vergleich zu den weiteren eingereichten Ergebnissen zu recht. Dennoch bedarf es beim weiteren Vorgehen in der Planung zusätzlicher Vorgaben und Änderungen, damit der neue Ferdinandplatz nicht nur städtebaulich, sondern auch architektonisch gelingt.

Vorschläge für eine Verbesserung des Raumgefühls und der Baumassen

  • Eine überbreite Dimension der neuen Viktoriastraße, der Ferdinandstraße und der in Höhe der alten Bankstraße gelegenen, neuen Gasse sollte vermieden werden.
  • Der „Zugangsbereich“ zwischen Neuen Technischen Rathauses und dem Karstadtanbau sollte ebenfalls nicht zu breit ausfallen.
  • Eine striktere, räumliche Trennung der zwei entstehenden Plätze sollte mittels Streckung der Baumasse des kleineren Verwaltungsbaues in seiner Dimension nach Westen erfolgen.

Neues Technisches Rathaus (NTR)

Der von der Verwaltung nach Beendung des Mietverhältnisses im ehemaligen Robotron-Riegel der TLG dringend benötigte Neubau des Technischen Rathauses wird voraussichtlich zuerst umgesetzt.

Dieser kann dabei wie vorgesehen als Solitärbau die Eckausformung zum Georgplatz bilden. Statt eines reinen Glaskörpers, schlagen wir dabei vor, architektonisch in moderner Form die Historie aufzugreifen, wie dies im sogenannten „House of Delft“ von den Architekten um van Dongen- Koschuch praktiziert wurde. Die raffinierte und moderne Verknüpfung von regionaltypischen Bauformen und den Ansprüchen eines zeitgemäßen Bürogebäudes sind mehr als überzeugend. Die Methoden und Grundgedanken der Gestaltung des „House of Delft“ auf Dresden angewandt, kann glaubhaft identitätsstiftende Architektur für die Dresdner und ihre Gäste generieren.

Reminiszenzen könnten sein:

  • Das früher unweit vom Ferdinandplatz gelegene ehemalige Viktoriahaus im Stile der Neorenaissance an der Waisenhausstraße/Friedrichsring
  • das neobarocke Central-Theater an der Waisenhausstraße
  • das „schöne Haus“ oder „Schönrocksche Haus“ an der Wilsdruffer Straße
  • das Residenzkaufhaus an der Waisenhausstraße Ecke Prager Straße
  • Abbilder, Silhouette der einfachen Häuserzeilen des alten FerdinandplatzesAbbildung oben links: Central-Theater, Abbildung oben rechts: Häuserzeile Fassaden gen Georgplatz, Abbildung unten links: Residenz- Kaufhaus, Abbildung unten Mitte: Schönrocksches Haus, Abbildung unten rechts: Frontgiebel Viktoria-HausBei der Ausbildung einer Eckbetonung im Komplex an der Kreuzung von Waisenhausstraße und St.- Petersburger-Str. ist darauf zu achten, dass ein Turm, sofern er in die Silhouette eingreift, eine besondere Gestaltung erfahren muss. Ebenso sollte eine Grundform in geometrischer Symmetrie genutzt werden. Das Fünfeck mit unterschiedlichen Seitenlängen und Winkeln ist unglücklich gewählt.Konkrete Vorschläge sind:
  • gleichseitiges Fünfeck als Basisform
  • Turmbau als Turmhaus separat und in Kommunikation mit dem Baukörper geplant
  • nach oben verjüngend
  • mit einer Art Kuppel, Dachabschluss, Spitze versehen
  • wenigstens aber mit Traufgesims und einer ausgestalteten Balustrade
  • Stilvorlagen aus dem Art-Déco/Expressionismus, keine Angst vor figürlicher Gestaltung
  • ein Materialmix aus Sandstein bzw. aus sandsteinimitierender Optik, Glas und Kupfer

Es empfiehlt sich allerdings im Vorfeld Studien anzufertigen, inwieweit Sichtachsen, Sonnen- stand und Blickbeziehungen beeinflusst oder genutzt werden, z.B. wo und wie sich der Bau in der Silhouette von der anderen Elbseite einordnet. Eine Sichtstudie von der Mole- brücke in Dresden Pieschen bietet sich an.

Mit zur Waisenhausstraße hin ausgebildetem (etwa mit roten Ziegeln gedeckten) Mansard- oder Satteldach könnte zudem der Bezug zum neuen Rathaus geschaffen werden.

Verwaltungsbau südlich des NTR

Quelle: Prof. Dr. habil. Peter Stephan – Potsdam

Beim zweiten Verwaltungsbau, zwischen der bereits bestehenden Bebauung an der St. Petersburger Straße und dem Neuen Technischen Rathaus sollte die Fassade zur St. Petersburger Straße hin in drei Partien aufgeteilt werden.

  • Diese sollen durch mittige Betonung, zum Beispiel durch Risalite, Giebel, differenzierter Fassade und einer Erhöhung des Mittelteils zum Restbaukörper gegliedert werden.
  • Die Lärmsituation an der St. Petersburger Straße kann durch diese differenzierte Fassade reduziert werden. Glatte Glasfassaden verstärken eher diesen Zustand.
  • Den Eckflanken sollte – gespiegelt und gegliedert – eine gleiche Formensprache zu Grunde liegen, gern mit Eckerkern in runder oder eckiger Form versehen.
  • Auch die Einteilung des Baukörpers in Parzellen mit abwechslungsreicher, regionaltypischer Architektursprache ist denkbar.
  • Höhenvariationen der einzelnen Gebäudeteile und Fassaden sollten zwingend umgesetzt werden, auch über die Umgebungsbebauung hinaus.Fassadenabwicklung Barcode Architects – mit groben Zeichnungen zur Belebung der Dachlandschaft bei unterschiedlichen Gebäudeteilhöhen/unterschiedlichen Fassaden

Eine besondere Aufmerksamkeit gilt der Architektur zum neuen Ferdinandplatz (Brunnenplatz) und dem angrenzenden neuen nördlichen Teilplatz.

  • Die Gebäudespitze zum Ferdinandplatz verdient eine einzigartige, spannende und moderne Ausprägung, welche den Raum zu beiden Teilplätzen hin optisch Leben bietet.
  • Zum neuen Ferdinandplatz und dem noch namenlosen nördlichen Platz empfiehlt sich ebenfalls eine Unterteilung in mindestens 2, bestenfalls 3 bis 4 Einzelfassaden
  • Änderungsvorschlag zur städtebaulichen Dimension und anzuratende Aufteilung in Einzelfassaden des Anbaus am Karstadt Warenhaus und dem Verwaltungsgebäudes südlich des NTR

Anbau am Karstadtkomplex

Entlang der Waisenhausstraße ist am Karstadtanbau die Möglichkeit eines Torhauses wahrzunehmen. Das bedeutet:

  • eine Einzelfassade direkt im Anschluss an den Karstadtbau in Breite einer Parzelle
  • Ein Eckbau, der den Verbindungspunkt von Waisenhausstraße und Viktoriastraße optischbetont, ist zwingend notwendig – Torhaus-Charakter
  • Eine Eckbetonung mit Eckturmbau oder Erker, sowie gestalteter Dachzone heißt denPassanten im neuen Stadtbereich optisch willkommen und lädt ihn ein.Zugleich ist die Baumasse entlang der Viktoriastraße, da sie beide Teilplätze flankiert, dringend in 5 bis 6 Parzellen mit unterschiedlichen Fassaden zu unterteilen. Hervorgehend aus einem europäischen Fassadenwettbewerb können hierbei unter Beteiligung von Bauausschuss/Stadtrat,

Gestaltungskommission UND dem Bürger die für die Entwicklung bestmöglichen Entwürfe ausgewählt und umgesetzt werden. Zu beachten ist dabei:

  • In der nötigen Durchwegung vom neuen Teilplatz durch den Anbaukomplex zum Osteingang des Karstadt Warenhauses ist ein Portal anzuregen
  • Eine künstlerische Gestaltung des Portals sollte selbstverständlich sein – eine, welche die Blicke auf sich zieht, z. B. durch das Einfügen von Figuren oder einer extravaganten Formensprache

Platzgestaltung

Die neuen Platzbereiche teilen sich in zwei Stadträume auf, die einzeln oder verbunden gestaltet werden können. Um den südlichen Ferdinandplatz, auch mit Blick auf die Bestandsbebauung aufzuwerten, bietet sich eine getrennte Betrachtung und Gestaltung an. Auf dem neuen Ferdinandplatz (Süd) ist die Anlage eines Teiches, einer natürlich (nur in der abstrakten Wirkung) gestalteten Brunnenanlage denkbar. Aus der Historie bietet sich an, dass der Bereich des Gänsediebbrunnens, welcher nicht umgesetzt wird, eine Storyline erschaffen wird, die sowohl die historische südliche Seenanlage aufgreift und zum Thema >>Naturraum mit Gänsen vor dem Diebstahl<< nimmt. Das verbindet die historische Situation mit der noch existenten Lage des Gänsediebbrunnens in der Weißen Gasse. Von solchen Geschichten lebt jeder Stadtführer. Die künstlerisch gestalteten Gänse können aus verschiedenen Materialien, wie Sandstein, Cortenstahl, Granit, Beton, Glas oder Bronze umgesetzt werden. Wir empfehlen für die figürliche Gestaltung die Künstlerin Malgorzata Chodakowska aus Pillnitz, die sich besonders durch die fantasievolle Verwendung von Wasser in ihren skulpturalen Werken auszeichnet. Auch wären inspirierende Reminiszenzen von Jean Tinguely, da es sich um ein Technisches Rathaus handelt, denkbar. Schlanke Pappeln und Weiden sollten den natürlichen Rahmen der Gestaltung bilden.

Abbildung links: Gänsediebbrunnen Weiße Gasse (Quelle: maxity.com – Foto: Klewe), Abbildung Mitte: Brunnengestaltung Malgorzata Chodakoska (Quelle: www.chodakowska-skulpturen.de), Abbildung rechts: Tinguely-Brunnen Basel (Quelle: wikipedia.org)

Der nördliche Teilplatz zur Viktoriastraße/Bankgasse bietet sich für einen platzzentralen Pavillon, z. B. für gastronomische Nutzung an. In diesen kann auch der Aufgang zur darunter befindlichen Tiefgarage integriert werden. Bei der Auswahl der Architekturentwürfe ist nach bekanntem städtischen bzw. verwaltungstechnischen Wettbewerbsverfahren zu agieren, wobei die sich beteiligenden Architekten ihre Ideen der Bürgerschaft vorstellen und diese mit abstimmen lassen sollen. Auch hier bietet sich also die Möglichkeit an, die Bürger für Mitsprache und Demokratie zu begeistern und direkt mit einzubinden. Bei dieser Art von Kleinarchitektur können verschiedene Verfahren zur direktdemokratischen Entscheidungsfindung ohne Not durchgeführt werden. Als Blaupause für künftige größere Projekte (Pirnaischer Platz, Rathenauplatz, Georgplatz etwa) Ebenso ist zu überlegen, ob die „Sonnenuhr-Idee“ umgesetzt werden kann. Jede Raffinesse macht das Projekt einzigartig und jeder Bonus dient als „Verkaufsargument“ für Dresden, an seine Bewohner und besonders der Stadt Gäste.

Auch sollte darauf geachtet werden, dass Fußwege, Bordsteine und Straßenraum unterschiedlich gestaltet werden und es keine einheitliche plane Platzebene entsteht, auch wenn es nur für Fußgänger vorgesehen ist. Eine ungestaltete, tote Straßenebene, wie bei der Schreibergasse, An der Kreuzkirche und An der Mauer sollte vermieden werden.

Pavillons haben in Dresden eine lange Tradition und sind nahezu in jeder Formensprache schon einmal gedacht oder gebaut worden. Dieser Gruppe an Kleinarchitekturen lässt sich in jeder Zeit und jedem Stil immer etwas hinzufügen.

Verweis zur städtebaulichen Kommunikation

Bei der Umgestaltung des Ferdinandplatzes, dem Neubau des NTR und der Bebauung an der Waisenhausstraße, ist der nördlich anschließende Verbindungsbereich des Promenadenringes ein gestalterisch mit zu bedenkender Faktor. Dies beinhaltet den Transitbereich um die Haltestelle Prager Straße, die Verbindung zur Pfarrgasse und dem Eingangsportal Süd des Neuen Rathauses. (Zebrastreifen?!) Der Georgplatz und eine zukünftige Rahmenbebauung müssen ebenfalls in die Betrachtung eingebunden werden. Die Vorschläge von Stadtbild Dresden sind dazu gern heranzuziehen.

Bei Interesse, Fragen, Problemstellungen und lösungsorientierten Betrachtungen zum gesamten Bereich des Neubauprojektes „Ferdinandplatz“ steht Stadtbild Dresden jeder teilnehmenden Partei gern mit Ideen, Rat und Wissen zur Verfügung. Wir möchten den Zielvorgaben der Stadt Dresden zu identitätsstiftender und regionaltypischer Architektur und Raumgestaltung gern Rechnung tragen. Hierzu haben wir noch nicht abschließend, aber anregend Stellung bezogen.

Wir hoffen auf ein Beherzigen aller Beteiligten und wünschen Dresden, dass die Dimension dieser Aufgabe erkannt ist, würdig umgesetzt und finanziell nicht an der gestalterischen Ausführung gespart werden wird. Wir gestalten die Zukunft und das optische Wirken Dresdens nach außen – der Preis ist nicht zu beziffern – sparen zu Ungunsten der Qualität und Ästhetik wäre fatal und in jeder Hinsicht nachteilig. Die Umstände sind günstig – nutzen wir sie.

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