Pressemitteilung: Hochhaus am Pirnaischen Platz

Die von Stadtbild Dresden angestoßene Diskussion um das stark marode, aber dennoch teilweise bewohnte Hochhaus am Pirnaischen Platz nimmt Fahrt auf. So positioniere sich die private Gruppe um Ostmodern.org (ohne Absprache mit dem Eigentümer?) als Gegenpart zum Abriss und fordert den Erhalt unter Ergänzung der bereits entfernten Designelemente. So sah sich jüngst der Eigentümer wohl dazu herausgefordert, seine Pläne zum kürzlich erworbenen Hochhaus zu veröffentlichen.
Die erste präsentierte Version widerspricht jedoch beiden Initiativen und enttäuscht vor allem darin, dass die unerträgliche städtebauliche Dominanz, welches dieses Hochhaus einnimmt, für die Zukunft in der Platz- und Stadtbildsilhouette prägend bestehen bleiben wird und schlimmer noch, eine Aufstockung über das bisher teilweise abgetragene Flugdach erfolgen soll, wodurch sich das Hochhaus noch stärker in die Blickbeziehungen, auch vom anderen Elbufer in die Silhouette drängt. Die zweite Version, welche bereits die Gremien im Stadtplanungsamt durchlaufen hat, geht auf die Forderungen von Ostmodern.org ein, hat aber im Ergebnis die gleichen Defizite: höher als bisher, grauer Baukörper, unverhältnismäßige Dominante des Gebäudes an sich.

Hierzu stellen sich einige Fragen:

• Übt das Stadtplanungsamt den Hofknicks vor „dem Geld“ (Investor) und möchte dessen Gewinnmarge maximieren?

• Ist der bisher angestrebte, städtebauliche Konsens, die Stadtsilhouette aus allen Richtungen freizustellen ad acta gelegt worden? (Auch der Neubau des Technischen Rathauses würde in der Höhe in diese eingreifen.)

• Ist das Ergebnis der (Um-)Planung verfolgte Absicht von Stadtplanungsamt in Einheit der Forderungen und Manifeste von Ostmodern.org und Zeitgenossen e.V.?

Sollten sich diese Annahmen bewahrheiten, wäre das in der Summe höchst bedenkenswert und zeigt abermals die „stilles Kämmerlein“-Handlungsweise von Stadtplanungsamt, Baubürgermeister, fremdem Geld und der Lobby der Zeitgenossen.

Die derzeitige bauliche Situation des Pirnaischen Platzes bietet ein Szenario, welches man an der Peripherie, nicht aber an einem zentralen Knotenpunkt eines kulturhistorischen Zentrums, einer Landeshauptstadt und vor allem einer sich bewerbenden Kulturhauptstadt verorten würde. Aufgrund dieser Tatsache, lassen sich im öffentlichen Interesse gute Gründe finden eine Veränderung zu fordern, da unserer Meinung nach dem Stadtraum und dem Stadtbild durch die Fortexistenz der aktuellen Situation ein Schaden erwächst.
Bis zur Unkenntlichkeit der Originalität beraubte Plattenbauten stellen gerade innerhalb der innerstädtischen Übergangszone zur wiedererstandenen Altstadt die Unverwechselbarkeit des Dresdner Stadtbildes in Frage. Die Bauten gleichen Typs wurden auch in anderen Städten der DDR errichtet, können deshalb – aufgrund des fehlenden Alleinstellungsmerkmals – somit nicht ernsthaft als Dresden-typisch, unverwechselbar und erhaltenswert bezeichnet werden.

Die öffentlich geführte Debatte um die Zukunft des Hochhauses am Pirnaischen Platz greift dabei unserer Meinung nach zu kurz. Sie lässt die entscheidende Frage nach einer zeitgemäßen Reurbanisierung des gesamten Platzes – als Gestaltungseinheit – außer Acht. Eine Sanierung des Hochhauses, das bis 1987 auch durch den Schriftzug „Der Sozialismus siegt“ auf sich aufmerksam machte, wäre demnach der völlig falsche Ansatz. Die außergewöhnliche Chance auf eine zeitgemäße Form der Stadtreparatur mit der Verbindung von Altstadt und Pirnaischer Vorstadt, die sich auch in Anbetracht der Gestaltung und Entwicklung der Lingnerstadt ergibt und die sich nach Abbruch des blauen TLG-Riegels (ehemals Robotron) bis zum Pirnaischen Platz ausdehnen lässt, sie wäre auf weitere Jahrzehnte vertan.

Allein der städtebauliche Aspekt genügt bereits, um die Pläne der Eigentümer abzulehnen. Nimmt man das fragwürdige Nutzungskonzept mit Luxuswohnungen und den architektonischen Störfaktor beurteilend hinzu, sind die Pläne in ihrer derzeitigen Form in Gänze abzulehnen.
Wir sind der Meinung, dass die Reanimation eines so gravierenden städtebaulichen Fehlers ein völlig falsches Signal setzt und damit fragwürdige Anreize schafft. Ein kernsaniertes, (denn laut beauftragten Projektentwickler Stefan Stift im Artikel der Sächs. Zeitung vom 16.09.2017 sei innen „alles Schrott“ und muss in Gänze ausgetauscht werden) und obendrein noch um ein Stockwerk erhöhtes, in monotones Grau-Weiß getünchtes Hochhaus, würde das modernistisch einfallslose und sich bereits heute zunehmend in mausgrau hüllende Stadtbild jenseits der Altstadt-Kernzone nur weiter verfestigen und das in einer Dimension, die ihresgleichen sucht. Mit Blick auf das Faktum des „alles Schrott“ sollte ein Abriss ernsthaft in die Überlegung einfließen und ob dieser inklusive Neubau nicht effektiver und günstiger wäre.
Ebenso steht -wie bereits erwähnt – die geplante Aufstockung des Gebäudes, jeglichen Richtlinien die Stadtsilhouette freizustellen, diametral entgegen, und ist rundweg abzulehnen.

Im Grenzbereich zum kulturhistorischen Zentrum liegend, kommt dem Pirnaischen Platz heute mehr denn je eine Vermittlerfunktion zu. Diese Aufgabe kann jedoch nur durch eine Kurskorrektur erfolgen, welche bewusst an den Vorkriegszustand anknüpft oder sich zumindest annähert. Dies gilt vor allem für städtebauliche Fragen, im geringeren Maße aber auch für architektonische Überlegungen.
Der Verkleinerung der unbebauten Flächen durch bauliche Verdichtung (Blockrandbebauung/geschlossene Bebauung) ist hier oberste Priorität einzuräumen, so wie sie für ein lebendiges, urbanes Zentrum unabdingbar ist. Mit diesen Mitteln ließe sich die Wirkung des rein Funktional- Überdimensionierten und Maßstabslosen zukunftsgerecht korrigieren. Der Erhalt des Hochhauses, vor allem in der geplanten Form, würde das auf absehbare Zeit verhindern.

Wir appellieren daher an die Volksvertreter im Stadtrat, an die Verwaltung im Stadtplanungsamt, sowie an die Dresdner selbst, sich mit eigenen Ideen an der Debatte zu beteiligen, zeigt doch das kontroverse Thema Hochhaussanierung deutlich, dass wir endlich einen offenen und fairen Ideenwettbewerb benötigen.

Im Zuge dessen möchten wir an die Möglichkeit stadtteilbezogener Gestaltungsrichtlinien erinnern, welche Vorgaben nach regionaltypischer Bauweise sowohl für Neubauten, als auch stilverändernder Generalsanierungen und Umbauten zu machen sind.

Der allgegenwärtige Hinweis auf Investorenrecht darf nicht als Totschlagargument missbraucht werden, berechtigte Kritik und bürgerliches Engagement zu diskreditieren bzw. dieses zu verhindern. Die Frage nach dem Verantwortungsbewusstsein des Bauherren der Allgemeinheit gegenüber, gehört wieder ins Zentrum der sozialen Debatte gerückt, schließlich sind es die Bürger unserer Stadt, die mit diesen (Fehl-)Entscheidungen direkt konfrontiert werden und nicht die renditeorientierten Investoren oder die Entscheidungsträger.
Die Sanierung des Hochhauses steht für uns aus den genannten Gründen nicht zur Debatte, ist daher nicht verhandelbar.

Die Tatsache, dass die Konservierung dieses städtebaulichen Fehlers gegen jede Vernunft nun auch noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wurde, stellt eine gravierende Missachtung des Bürgerwillens dar. Das angesichts dieser Missstände von politischer Seite dazu kein Veto erfolgt, verschärft das Problem auf signifikante Weise. Das Schweigen des Oberbürgermeisters zur Debatte ist lauter, als die sehr wenigen Wortmeldungen des Baubürgermeisters.

Wir werden in Kürze eine Bürgerbefragung durchführen, mit dem Ziel, Auskunft über die Präferenzen der Dresdner zu städtebaulich brisanten Themen wie dem am Pirnaischen Platz zu erhalten. Durch eine in diesem Zusammenhang durchgeführte Unterschriftensammlung wollen wir deutlich machen, dass bürgerliche Mitbestimmung ein elementares demokratisches Grundrecht und keine Gnade ist, die durch die Entscheidungsträger nach Gusto zu gewähren, oder zu verwehren ist.

Das Team von Stadtbild Dresden – der Bürgerinitiative für Dresdner Baukultur

Foto: Benjamin Bartho

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