StadtbilDD | Anliegen

Anliegen

Von StadtbilDD & Martin Jungwirth

Erich Kästner schrieb nach der Zerstörung seiner Heimatstadt:

“Dresden war eine wunderbare Stadt, voller Kunst und Geschichte und trotzdem kein von sechshundertfünfzigtausend Dresdnern zufällig bewohntes Museum. Die Vergangenheit und die Gegenwart lebten miteinander in Einklang. Eigentlich müsste es heißen: Im Zweiklang. Und mit der Landschaft zusammen, mit der Elbe, den Brücken, den Hügelhängen, den Wäldern und mit den Gebirgen am Horizont, ergab sich sogar ein Dreiklang. Geschichte, Kunst und Natur schwebten über Stadt und Tal, vom Meißner Dom bis zum Großsedlitzer Schlosspark, wie ein von seiner eigenen Harmonie bezauberter Akkord.”

Wir sind keine notorischen Nein-Sager, keine Ewiggestrigen, wir wollen kein Disneyland, keine Kutschen und auch keinen Kaiser. Wir sind junge und junggebliebende Leute vorwiegend zwischen 20 und 40, die reflektiert, differenziert und sachlich über die städtebauliche Entwicklung in Dresden nachdenken, diskutieren und nun aktiv Einfluss nehmen wollen.

Nachdem man zwei Jahrzehnte lang erleben durfte, was die für den Städtebau Verantwortlichen der Stadt Dresden unter städtebaulicher Verantwortung verstehen, ist es wahrlich überfällig, dass wir uns mit klaren Zielen und Forderungen zu Wort melden.

Wir stellen uns der Wirklichkeit und fordern weder die bedingungslose Rekonstruktion noch den Ausschluss einer grandiosen Moderne aus allen Teilen der Innenstadt, gründerzeitlichen Wohngebieten sowie den Dorfkernen. Vielmehr kritisieren wir die ausufernde Investorenarchitektur, den Verlust von Kleinteiligkeit und ästhetischem Augenmaß, die schleichende Nivellierung des Stadtbildes, den fehlenden Bezug zu Dresdner Bautraditionen (Folgen Sie dem Link zum Thema ‘Regionaltypik’) sowie das absolutistische Handeln des Stadtplanungsamtes.

Bedauerlicherweise konnte die zeitgenössische Architektur in der kriegszerstörten Dresdner Innenstadt seit der Wiedervereinigung nur in Ausnahmefällen den Nachweis erbringen, dass sie imstande ist, charakterstarke und identitätstiftende Einzelbauwerke, sensibel in den verwundeten Stadtraum eingefügte Ensembles und dresdentypische Straßenzüge zu erschaffen (Folgen Sie dem Link zum Thema ‘Rückblick und Realität’). Nur allzu oft ging die Gestaltung von Plätzen nicht über das bloße Versiegeln der Platzfläche hinaus. Gestalterische Glanzpunkte und Orte zum Verweilen fehlen entweder ganz oder sie sind in einer Art und Weise ausgebildet, die sich dem Normalbürger nicht erschließt.

Dennoch haben wir den Glauben in die derzeit wirkende Stadtplaner- und Architektengeneration noch nicht vollständig verloren, bekräftigt durch einige hiesige Bauwerke und durchaus gefällige Projekte in anderen Städten. Wir registrieren jedoch, dass sich Dresden in den letzten zwei Jahrzehnten viel zu oft bewusst austauschbaren und beliebig-belanglosen Entwurfsideen und Wettbewerbsergebnissen hingegeben hat, die teilweise einer Erniedrigung der Dresdner Bautradition gleichkommen.

Während die Bürgerschaft und Besucher der Stadt noch immer zum Großteil Sympathie und Trauer für das verlorengegangene Stadtbild empfinden, hat sich unter den Verantwortlichen in der Verwaltung eine Sichtweise durchgesetzt, die wahlweise auf globale Vereinheitlichung, Anspruchslosigkeit und mangelnde Sensibilität sowie auf Durchsetzung der subjektiven Gestaltvorstellungen und Befriedigung des eigenen Egos auf Seiten der Architekten schließen lässt. In einer demokratischen Gesellschaft müssen die Fragen erlaubt sein:

Wem gehört die Stadt und Wer bestimmt über ihr Aussehen?

Die für das Antlitz der Stadt Verantwortlichen müssen sich wieder besinnen, welches herausragende Erbe sie verwalten, dessen Bewahrung und Entwicklung weit über die Grenzen der Stadt hinaus von Bedeutung ist. Der eingeschlagene Weg kann jedenfalls nicht dazu taugen Dresden wieder zu einer der schönsten und charakterstärksten Städte Europas geraten zu lassen.

Wenngleich Dresden über eine Vielzahl intakter, weil unzerstörter und durch die politische Wende vor dem Verfall geretteter Wohnquartiere verfügt, so bleibt die Innenstadt das erste Aushängeschild einer jeden Stadt. Einige wenige Straßenzüge um den Neumarkt, die Elbfront und das Barockviertel an der Königstraße sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gebiet innerhalb des 26er Ringes in weiten Teilen von Brachen, breiten Verkehrsschneisen, raumzerstörenden Großstrukturen und teils wenig innerstädtisch anmutenden Wohngebieten geprägt ist. Hier ist noch ein weiter Weg zu gehen, der jedoch ohne einen bevölkerungsübergreifenden Konsens und ohne klare Zukunftsidee sowie ein strenges Qualitätsmanagement bei den Planenden nicht zum Ziel führen kann.

Unsere allgemeinen Forderungen sind:

1. Eine regionaltypische Bauweise

Wir fordern den Wiedereinzug regionaler Stilmerkmale in unsere globalisierte Bauepoche, um der schleichenden Nivellierung europäischer Städte entgegenzuwirken und die ureigene Identität Dresdens zu stärken. Dies ist nur durch städtische Gestaltungsvorschriften zu erreichen, da sich Investoren und Architekten in ihrer Mehrzahl nicht mit dem Genius Loci einer Stadt auseinandersetzen.

2. Rückkehr zur Kleinteiligkeit

Die blockweise Bebauung durch Einzelinvestoren führt üblicherweise zu Monotonie im Straßenbild und in der Dachlandschaft. Daher drängen wir auf eine zumindest äußerlich angedeutete Gliederung der Baukörper.

3. Bevorzugter Verkauf an Einzelinvestoren

Verkauf kleiner Parzellen an Privatbürger oder weniger finanzstarke Investoren zur Stärkung der Vielfalt und regionaler Identität abseits von überregional agierenden Projektentwicklern und Immobilienkonzernen

4. Ausbildung von Platzfunktionen und dementsprechende Gestaltung

Erzeugen von Verweilqualität (Sitzgruppen, Bäume, Pergolen, Wechsel von Schatten und Licht)

Einrichtung von Anziehungs-/Blickpunkten (Denkmäler, Brunnen)

Qualifizierung von Nutzungsbereichen (Handel, Gastronomie, Erholung, Markt, Verkehr)

5. Schaffung interessanter Wegebeziehungen und Räume

Arkaden, öffentliche Höfe, Durchgänge, Passagen, Treppen

6. Nutzungsmischung stärken

Bezahlbares Wohnen in der Innenstadt, Vergnügungsstätten, Ateliers

7. Forderung nach einer neuen Wettbewerbskultur

Durchführung von Wettbewerben mit dem Ziel die bestmögliche Variante für die Mehrheit der BÜRGER zu finden. Jurys sollten nicht einseitig mit Architekten und Stadtplanern besetzt sein, die für austauschbare Trendarchitektur und modernistische Ideologien stehen. Stattdessen ist für eine ausgeglichene Mischung zu sorgen, um Ergebnisse zu fördern, die unterschiedlichen Interessen und Denkweisen gerecht werden.

8. Stärkung der Basisdemokratie

Durchführung repräsentativer Umfragen und öffentlicher Diskussionsrunden zu stadtbildprägenden und offensichtlich strittigen Bauvorhaben und Einbeziehung der Ergebnisse bei der Entscheidungsfindung. Frühzeitige Transparenz und Offenlegung sind für einen demokratischen, seriösen, neutral-objektiv und konstruktiv geprägten Prozess unabdingbar.

Ein Beispiel für das diesbezüglich vorherrschende Verständnis ist die Nichtberücksichtigung des von über 60.000 Dresdnern unterzeichneten Bürgerbegehrens zum historischen Wiederaufbau des Neumarktes. Unabhängig von der Zulässigkeit der Fragestellung wurden die fraglos berechtigten Forderungen der Unterzeichner entgegen erster Andeutungen ignoriert und konterkariert.

Bei der Waldschlösschenbrücke dagegen hat man sich bei jeder kleinsten Gelegenheit auf das “eindeutige Bürgervotum” berufen. Man biegt sich die Dinge so zurecht, wie sie einem in den politischen Kram passen…

9. Abkehr von sturer Expertengläubigkeit

Schluss mit der “Legitimierung” wichtiger Gestaltfragen durch den bürgerfeindlichen Expertenzirkel Gestaltungskommission Neumarkt. Schluss mit der absurden Einflussnahme auf rekonstruktionswillige Investoren.

Zehn Personen erheben sich mit ihrer Ideologie über die Gestaltvorstellungen einer Mehrheit der Dresdner und ihrer Gäste. Wir fordern daher die Auflösung oder Umbesetzung der Gestaltungskommission!

Wir wollen keine:

  • austauschbare globalisierte Investorenarchitektur
  • dem gestalterischen Anspruch einer Kunst- und Kulturstadt unwürdige Fassadeneinfalt
  • toten funktionslosen steinernen Platzwüsten
  • traditionsfremden Großblöcke ohne Fassadendifferenzierung
  • regionaluntypischen . . .
    • Materialien (z. B. Sichtbeton oder Schiefer)
    • Farben und Farbkombinationen (z. B. Schwarz-Weiß-Rot)
    • Dächer (z. B. Flachdach, Staffeldach, Glasdach)
    • Stilmittel (z. B. Metallvorhänge als Fassadenstruktur oder Betonplatten mit eingeätzten Fotografien)
  • erzwungenen Kontraste (z. B. weiße Kunststeinfassade mit Schieferdach zwischen zwei beigen Barockputzfassaden mit rotem Ziegelmansarddach)
  • unsensibel ins Stadtbild eingefügten Tiefgaragenzufahrten, Parkflächen oder Verkehrsschneisen. Im Gebiet der ehemaligen Altstadt hat sich der Individual- und Anlieferverkehr dem Fußgänger unterzuordnen!
  • abstrakten Interpretationen oder schemenhaften Andeutungen, die nur mit Gebrauchsanweisung zu verstehen sind (z. B. beliebig über die Fassade verteilte Schlitzfenster als “moderne Ornamentik”)
  • einseitig besetzten Gremien, die Investoren am Neumarkt entgegen der Mehrheitsgesellschaft beraten

Modernistische Verunstaltungen neben wertvollen Kulturgütern lehnen wir kategorisch ab. Zur Verwirklichung eines in sich stimmigen und dennoch vielfältigen, sich gleichermaßen auf dem historischen Erbe sowie den Erfordernissen einer heutigen Großstadt aufbauenden Stadtbildes plädieren wir für eine klare räumliche Typisierung von Gestaltbereichen.

Historische Innenstadt – Kernbereich

Historische Innenstadt – Ergänzungsbereich / Übergangszone

Zeitgenössische Innenstadt – Historisch strukturbasiert

Zeitgenössische Innenstadt – Experimentalbereich

 

Zum Abschluss ein Auszug aus: “Das Stadtbild von Dresden – Stadtdenkmal und Denkmallandschaft” ¹

Die optisch fassbare Individualität einer Stadt wird sich künftig wahrscheinlich in erster Linie an den Bauten der Vergangenheit erkennen lassen. Vor diesem Hintergrund ist die Rekonstruktion untergegangener Bauwerke und Platzbilder in Dresden ein Akt zur Sicherung oder auch Zurückgewinnung von städtischer Identität. Ein Bau wie die Frauenkirche ist wie kein anderer dazu geeignet, dem Stadtbild seine Individualität zurückzugeben und der allgemeinen Nivellierung der europäischen Städte zu begegnen. Die Rekonstruktion der maßstabbildenden Umgebung, sowie einzelner “Leitbauten” ist unerlässlich, weil die Verunstaltung der Umgebung durch die Bauten des sozialistischen Stadtumbaus und die Missbildung des räumlichen Gefüges um die Frauenkirche nicht hinnehmbar sind. (…) Ein intaktes Stadtbild in wenigen Jahren wiederzugewinnen, kann nicht erhofft werden. Aber die Hoffnung ist wohlbegründet, dass es zu einer Annäherung an dieses Ziel kommen kann. Dies ist mit schöpferischen Aktivitäten verbunden, aber auch mit dem geistigen Akt des Bewahrens der historischen Dimension des Stadtbildes. Steht doch die Präsenz des überkommenen, reichen Erbes unübersehbar für Kontinuität und Geschichte dieser einmaligen, schönen Stadt. (S. 222 f.)

¹ Das Stadtbild von Dresden – Stadtdenkmal und Denkmallandschaft: Volker Helas und Franz Zadniček, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Dresden 1996.