StadtbilDD | Trugschlüsse

Trugschlüsse

Von Martin Jungwirth

  1. “Moderne Architektur ist zeitgemäß und zukunftsgewandt.”
Die Einschätzung von Fortschrittlichkeit oder Zukunftsorientiertheit hat sich wiederholt gewandelt und muss daher immer der nachträglichen Betrachtung überlassen bleiben. Generell kann jedoch gesagt werden, dass ein qualitativer Wertkonservativismus sich stets als zukunftsträchtiger als ein Gehen mit der Zeit um seiner selbst Willen erwiesen hat. “Moderne” Architektur ist austauschbar und macht unsere europäischen Städte immer ähnlicher. Architektur um der Architektur Willen ist kein Diener der Stadt, sondern entspringt einer egoistisch und ideologisch gefärbten Haltung. Dies kann kein adäquater Ansatz für unsere kriegszerstörten deutschen Städte sein, die große Teile ihre Identität eingebüßt haben und nach sensibler Stadtreparatur lechzen. Die „Moderne“ beruht auf den überholten dogmatischen Prinzipien der Nachkriegszeit und ist somit alles andere als modern. Unseres Erachtens ist es modern und zukunftsgewandt, das eingefahrene System zu hinterfragen und differenzierte Ansätze abseits der bekannten Denkmuster (Bewusster Bruch mit Bautraditionen, Form Follows Function, Negierung des Ortes, Kontrastierung des Bestandes) und vermeintlich fortschrittlicher Trendbedienung zu entwickeln.

  1. „Sämtliche Baustile wären doch nie entstanden ohne zukunftsblickende Architekten. Warum ist sonst aus der Renaissance der Barock entstanden und auf ihn der Klassizismus gefolgt?”
    „Mit Ihrem ewiggestrigen Denken wäre der Zwinger niemals entstanden.“
Wir lehnen es ab, Architektur und Baustile isoliert zu betrachten und weisen stattdessen auf eine differenzierte und ganzheitliche Betrachtungsweise hin. Dresden ist eine flächenhaft zerstörte und verwundete Stadt, die andere Prioritäten verlangt als ein baugeschichtlich relativ konstantes Gefüge. Der verlorene städtische Raum muss seine Identität wiedererlangen – und zwar die, die einst in unmenschlicher Manier zerstört worden ist und nicht irgendeine beliebige regionalfremde Modernistenidentität. Austauschbare Globalarchitektur kann ob ihrer Regionalfremde keine adäquate Antwort auf kriegszerstörte Städte sein. An dermaßen verwundeten Orten wie Dresden sollte die Errichtung von Architektur um der Architektur Willen keine Priorität haben – zumindest nicht im prägenden Altstadtkern. In Paris haben architektonische Egotrips mehr ergänzenden denn destruktiven Charakter (siehe La Defense), denn dort findet sich eine völlig andere Situation als im geschändeten Zentrum der einstigen Weltkulturmetropole Elblorenz. Auch der Zwinger ergänzte einst ein identitätsstarkes Gebilde, das heute so nicht mehr vorhanden ist. Davon abgesehen stellt sich uns die Frage, welche großartigen stilistischen Neuerungen die heutige Moderne denn so ankündigt, die wir hier so rigoros unterdrücken (und für die offenbar an keiner anderen Stelle Entfaltungsmöglichkeit besteht)?

  1. „Rekonstruktionen sind zu teuer“
Modernistische Solitäre sind oft kostenintensiver als es vergleichbare angepasste Architektur oder gar Rekonstruktionen wären. Das Geldargument ist vorgeschoben – in Wahrheit sind zumeist Ideologien oder die unreflektierte Bedienung scheinbar zeitgemäßer Trends für ortsfremde und austauschbare Flachdachkuben & Co verantwortlich.

  1. „Historisierende Fassaden und barocker Stuck vor neuzeitlichen Betongebäuden sind nicht authentisch.“
„Mehr Schein als Sein“ – Sinnestäuschung, Fiktion, Irreführung, Nachahmung fremder oder vergangener Stile – all dies war seit je ein zentrales Anliegen Der selbstherrliche Wahrheits- oder Authentizitätsanspruch der selbsternannten architektonischen Sittenwächter entbehrt jeglicher historisch, philosophisch, logisch, ethisch oder sonst wie fundierten Grundlage. Dementsprechend gehören vorgeblendete Attiken oder aufgemalte Fenster zum Formenkanon diverser Baustile. Davon abgesehen haben wir wahrlich nichts gegen eine Höherlegung der Messlatte einzuwenden. Nicht wir oder unsere Gesinnungsgenossen verhinderten die ursprünglich satzungsgemäß vorgesehene vollständige Rekonstruktion von Leitbauten. Rampische Straße 29, das British Hotel oder An der Frauenkirche 16/17 haben gezeigt, dass man die Messlatte höher setzen kann – wenn man denn will. Stadtplanungsamt, Gestaltungskommission & Co achten leider viel eher darauf, dass die modernistischen Füllbauten auch wirklich modernistisch werden.

  1. „Man kann nicht alle Gebäude aus der DDR-Zeit abreißen.“
Nein, man muss nicht alles abreißen, nur weil es zu DDR-Zeiten gebaut wurde. Wird ja auch nicht gemacht. Es ist sogar völlig unmaßgeblich, ob etwas zu DDR-Zeiten gebaut wurde oder danach, denn für die Beurteilung sollten ganz andere Maßstäbe von Bedeutung sein. Wir beurteilen Gebäude in erster Linie anhand ihrer architektonisch-städtebaulichen Qualität. Ob ein Gebäude zur Zeit der Hexenverbrennung, Napoleonfeldzüge oder sozialistischen Arbeiteraufmärsche errichtet worden ist, ist für uns zweitrangig.

  1. „Der Kulturpalast ist eines der wenigen Gebäude in der Innenstadt, das noch auf die DDR-Vergangenheit hinweist – die Geschichte ging nach 1945 nun mal weiter.”
Wir halten es nicht für bedeutsam, wie lange der Kulturpalast oder ein anderes Gebäude schon die ehemalige Dresdner Altstadt konterkariert. Wichtig ist für uns in erster Linie, städtebauliche Fehler zu beseitigen und Wunden sensibel zu heilen. Der Kulturpalast ist ein ortsfremder und austauschbarer Solitär, der die Entwicklung der Dresdner Altstadt behindert und einen traditionsreichen Stadtraum unsensibel und bewusst negiert. So wie die Geschichte nach 1945 weiter ging, geht sie auch heute weiter – das derzeitige Wiederaufbaukonzept ist eben ein anderes als das damalige, und dem hat ein obsolet gewordener Bau wie der Kulturpalast Folge zu leisten.

  1. „Die Gestaltungskommission Historischer Neumarkt wurde extra dafür eingesetzt, um für eine hohe Qualität am Neumarkt zu sorgen.“
Das ist nicht korrekt. Dieser Gestaltungsbeirat ist in erster Linie dafür da, um (möglichst viel) Modernismus am Neumarkt durchzusetzen. Er sorgt weder für qualitativ hochwertige Rekonstruktionen (dafür sorgen die GHND, die Denkmalpflege und Kunsthistoriker) noch für sich an der Gestaltungssatzung orientierende Neubauten. Stattdessen konterkariert er jedes Bemühen um ein möglichst originalgetreu historisch anmutendes Neumarktareal und sorgt für stetigen Kontrast im Ensemble und beständige Konfrontation mit der Dresdner Bürgerschaft.

  1. „Befürworter von Rekonstruktionen und historisierender Architektur sind ewig gestrig. Sie sollten so konsequent sein und auch Plumpsklos, Kutschen und den Kaiser zurückfordern.“
Solcherlei die Realitäten verzerrende Polemik lehnen wir vehement ab. Diese inflationär gebräuchlichen Floskeln tragen nichts zu einer konstruktiven Diskussion bei und sind argumentativ leer. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es vom unreflektierten Modernitätsanspruch zu solch unüberlegten Anwürfen nicht weit ist und fordern eine sachliche und reflektierte Auseinandersetzung und überzeugende Argumente statt leerer Worthülsen.